Vorurteile beim Umgang mit Hochbegabung gibt es schon seit Jahren. In meiner Privatpraxis für Hochbegabung arbeite ich seit 2003 sehr erfolgreich mit schnelldenkenden Kindern und Jugendlichen und hochbegabten Erwachsenen in unterschiedlichsten beruflichen Positionen, sei es als Spezialisten, Selbständige, Führungskräfte oder Manager. Schon damals hat mich immer wieder erstaunt, welche Vorurteile und Tabus beim Umgang mit Hochbegabung vorhanden sind, und daran hat sich bis 2020 leider noch nicht viel geändert.

Vielleicht kennen Sie noch den Film „Life of Brian“. Dort gibt es eine Szene, in der jemand gesteinigt wird, weil er „Jehovah“ gesagt hat. Erinnern Sie sich?

Manchmal ist es heute noch so, wenn jemand von „Hochbegabung“ spricht – er wird zwar nicht mehr direkt gesteinigt, doch reichen die Reaktionen anderer Menschen von Belächeln und Unsicherheit über Unverständnis für Hochbegabung bis hin zum Abwerten und für „arrogant und überheblich“ erklären.

Wie schade für unsere geistigen Ressourcen in diesem Land!

Was ist überhaupt Hochbegabung?

Hohe Intelligenz und Hochbegabung sind nüchtern betrachtet hohe Ausprägungen der Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen, schnell zu lernen, vernetzt zu denken und dabei verschiedene Aspekte gleichzeitig einbeziehen zu können.

Schaut man sich die Probleme unseres Planeten, die Entwicklung unserer Umwelt, den Umgang mit den Tieren sowie die Entwicklung unserer Gesellschaft an, dann wird klar: Diese Fähigkeiten von Hochbegabten benötigen wir in unserem Leben mehr denn je zuvor!

Die Intelligenz ist unterschiedlich verteilt. Diese Tatsache ist nicht von der Hand zu weisen, und kein Mensch kann etwas dafür, mit wie viel oder mit wie wenig davon er von der Natur ausgestattet worden ist. Auch alle anderen Fähigkeiten sind unterschiedlich verteilt, seien es musikalische, künstlerische, sportliche oder emotionale Fähigkeiten. Kein Mensch ist deshalb besser oder schlechter, doch sowohl der Mensch selbst als auch unsere Gesellschaft profitieren davon, wenn die vorhandenen Fähigkeiten optimal und umfassend eingesetzt werden.

Worin liegen die Vorurteile beim Umgang mit Hochbegabung?

Das Wissen darum, dass ein anderer Mensch eine Hochbegabung oder Hochintelligenz besitzt, ruft häufig Neid hervor. Neid auf hohe Intelligenz ist Neid auf eine Fähigkeit, die das Leben meines Mitmenschen vermeintlich einfacher und erfolgreicher verlaufen lässt als mein eigenes. Dieser Neid auf Hochbegabung läuft meist unbewusst ab und führt zu den oben genannten Reaktionen – hier kann schon sachliche Aufklärung und das Bewusstmachen dieses Gefühls zu einer erfreulichen Veränderung führen.

Auch ist Angst vor hoher Intelligenz bei vielen Menschen ein Grund, Hochbegabung gerne klein zu reden oder zu belächeln. Die Angst, vom anderen „vorgeführt“ oder „ausgetrickst“ zu werden, ist weit verbreitet. Besonders im Umgang mit Hochintelligenten fühlen sich einige oft unterlegen, und schon wird der hochbegabte Mitmensch zum Konkurrenten, den man kritisch beäugen, klein halten oder auch bekämpfen muss.

Und eines noch am Rande: Arrogant und überheblich sind meist die Kleingeister, die es nötig haben – seltener die Hochintelligenten, denn diese stellen sich eher selbst in Frage und haben häufig noch Respekt vor dem Gegenüber…;-)

Wie kann man die Vorurteile beim Umgang mit Hochbegabung lösen?

  1. Sachliche Aufklärung über das Phänomen „Hochbegabung“ kann dazu beitragen, die bestehenden Vorurteile abzubauen.Hochbegabte haben es im Leben definitiv nicht automatisch einfacher, denn das intellektuelle Potenzial muss ja zuerst einmal entdeckt und dann sinnvoll eingesetzt werden. Menschen mit Hochbegabung verdienen auch nicht automatisch mehr Geld, im Gegenteil. Denn häufig stehen das ausgeprägte Wertebewusstsein, die Bescheidenheit und der Selbstzweifel im Weg, ein angemessenes Gehalt für die eigenen Leistungen einzufordern.
  2. Fundierte Hochbegabungsdiagnostik schon im Kindesalter kann dazu beitragen, die vorhandenen Stärken früh zu erkennen und einen selbstbewussten Umgang damit zu fördern.Interessant ist, dass die wenigsten Menschen um ihre Hochintelligenz und um ihre geistigen Fähigkeiten wissen (oder wissen wollen). Dabei zählen rein statistisch 10% der Bevölkerung – in Deutschland also rund 8 Mio. Menschen – zu den Hochintelligenten. Kinder, deren Hochbegabung und weitere Stärken früh erkannt und gefördert werden, gehen als Jugendliche und Erwachsene selbstbewusst und natürlich damit um. Sie haben durch eine frühe Hochbegabungsdiagnostik die Chance, starke Persönlichkeiten zu werden und sich und ihre Fähigkeiten zum Wohle der Umwelt und der Gesellschaft einzusetzen. Erwachsene, deren Hochbegabung erst später erkannt wird, haben es zwar schwerer, aber sie haben immer noch die Chance, ihr Selbstvertrauen aufzubauen und den Glauben an sich selbst wieder zu finden, um dann ein erfülltes, zufriedenes Leben zu führen.
  3. Vernetzung von Hochbegabten und Hochintelligenten kann dazu beitragen, sich untereinander zu stärken, sich mit Respekt und Verständnis zu begegnen und gemeinsam Lösungen für konkrete Probleme zu finden.Es gibt inzwischen einige Initiativen und Netzwerke für Hochbegabung, deren Zugangsvoraussetzungen und folglich auch deren Qualität sehr unterschiedlich sind. Wenn Sie selbst hochintelligent oder hochbegabt sind, können Sie schnell erkennen, bei welchem Netzwerk für Hochbegabung Sie eine gewisse Qualität und einen wirklichen Austausch „auf Augenhöhe“ erwarten können. Das gegenseitige Verständnis für die typischen Situationen, die Hochbegabte erleben und das Zugehörigkeitsgefühl können sich als sehr heilsam und förderlich für die persönliche Weiterentwicklung auswirken. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein…“

Dr. Karin Joder, Begabungsdiagnostik, Coaching & Netzwerken für Hochbegabte.